Reiseerlebnisse


Ein Tag im Nam Yang Kung Fu Retreat Thailand

5:00 Uhr. Der Alarm meines Handys holt mich sanft aber bestimmt aus einem tiefen Schlaf. Draußen ist es noch dunkel. Die Luft ist kühl. Ich dehne mich auf der Veranda vor meinem Zimmer.  Dabei sehe ich im Tal die Lichter der Landstraßen und einzelner Häuser. Ich befinde mich im Norden Thailands in den Bergen, nur wenige Kilometer entfernt von dem kleinen Ort Pai im NAM YANG KUNG FU RETREAT THAILAND.

 

Nach dem kurzen Stretching, meine Muskeln waren vom vorangegangenen Trainingstag noch etwas hart, mache ich mir einen Kaffee. Langsam fangen auch meine Zimmernachbarn an sich zu regen. Um diese Zeit hat noch kaum einer Lust zu reden. Um kurz vor sechs gehe ich hinunter zum Trainingsplatz. Noch etwas schläfrig stoße ich mir den Kopf an einer Bananenstaude, die über dem Weg hängt. Um 6.00 Uhr beginnt der Trainingstag mit Tong Ling Qigong. Der Boden ist kalt. Die meisten tragen Socken oder Badelatschen. Später werden alle barfuß trainieren. Der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht ist hier manchmal recht groß: 30°C am Tag, 7°C in der Nacht. Ich suche mir eine Stelle auf dem Trainingsplatz und beginne mit dem Qigong. Das gesamte System umfasst elf Übungen, die den Körper mit Qi, also mit Lebensenergie im Sinne der traditionellen chinesischen Medizin, anreichern. Darüber hinaus wirkt das Qigong entgiftend, die Beweglichkeit der Wirbelsäule wird verbessert und die Durchblutung gefördert. Master Iain Armstrong, der Leiter des Retreats trifft nun ebenfalls auf dem Trainingsplatz ein: „Good morning.“ Alle erwidern den Gruß, ansonsten wird meist nur geflüstert. Eine kleine Gruppe von Neuankömmlingen wird noch von einem der Instruktoren angeleitet. Der Rest ist schon mit dem gesamten Ablauf vertraut und jeder für sich versinkt in den meditativen Übungen.

 

Master Iain kann auf fast 40 Jahre Erfahrung im Kung Fu zurückblicken. Er gewann zwei Weltmeisterschaften im Kung Fu (1993 in Los Angeles und 2004 in Perugia, Italien) sowie den ‚Hall of fame award’ des Combat-Magazins. Er ist Chief Instructor der Nam Yang Pugilistic Association für Großbritannien, war Wettkampfrichter der World Wushu Championships in Hong Kong 1999 und ist Hauptwettkampfrichter bei den British Traditional Kung Fu Championships. Er hat seine Künste schon vor Persönlichkeiten wie Königin Elizabeth II, dem chinesischen Botschafter in England und dem Bürgermeister von London präsentiert. Kurz: Master Iain Armstrong ist eine echte Instanz im internationalen Kampfkunst-Geschehen.

Im Nam Yang Retreat wird meist Englisch gesprochen. Auch im Training. Master Iain und auch ein paar der Instruktoren, die die einzelnen Trainingseinheiten leiten kommen aus Großbritannien. Die Schüler kommen aus der ganzen Welt: Brasilien, Türkei, Puerto Rico, Kasachstan. Manche kommen, wie ich, aus Deutschland. Die Anzahl der Trainierenden variiert. In den Wintermonaten sind es etwa 30 Personen. Im direkten Anschluss an das Chi Kung folgt die 'Walking Meditation': Unter besonderer Beachtung von korrekter Haltung, Stellung und Atmung werden, sehr langsam und bewusst, jeweils drei Schritte in die eine und drei in die andere Richtung gemacht.

6:45 Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen blitzen schon über die gegenüberliegende Bergkette. Der Morgentau im Tal verwandelt sich zunehmend in Nebel, der wie ein dicker Teppich die Felder bedeckt. Das Panorama ist, im Gegensatz zu den Übungen, atemberaubend. 'Eastern' - Romantik pur!

Am frühen Morgen werden die langsameren Inhalte praktiziert. In der Zeit vor und während des Sonnenaufgangs befinden sich nach chinesischer Auffassung Yin und Yang im Gleichgewicht - die beste Zeit um Geist und Körper mit Chi anzureichern.

So geht es nach der 'Walking Meditation' mit dem 'Shuang Yang' weiter.

Das 'Shuang Yang Pei Ho Ru Ruen Chien' (frei übersetzt: Sonne-Frost-Weißer-Kranich; langsame und sanfte (Kampf-)Kunst) ähnelt für den ungeschulten Betrachter eher dem Tai Chi, ist jedoch eine eigenständige Form des südchinesischen Kung Fus. Es besteht aus 67 Techniken und ist somit eine recht umfangreiche Form. Im Einklang mit der Atmung werden durch das Shuang Yang Motorik, Balance und Flexibilität geschult. Die Faszien werden gestärkt und die einzelnen Techniken sollen durch regelmäßiges Praktizieren ins Unterbewusstsein beziehungsweise ins Muskelgedächtnis übergehen.

Jetzt werden durch die Instruktoren vermehrt Anweisungen gegeben, denn nur wenige beherrschen den vollen Ablauf der Form und die Bewegungen sind teils komplex. Eine lebenslange ‘Baustelle’

Wie das Chi Kung, die Walking Meditation und auch das Shuang Yang basiert das gesamte Training und vermittelte Wissen in dieser wahrhaftigen Kung-Fu-Zuflucht auf der Lehre der 'Nam Yang Pugilistic Association' unter Großmeister Tan Sot Tin. Es werden Elemente aus dem südchinesischen Tiger- und Kranich-Stil kombiniert, einige Beintechniken stammen aus dem Affen-Stil. Meditation und eine gewisse Philosophie stehen ebenfalls auf dem 'Lehrplan'.

 

Der Verein der 'Nam Yang Pugilistic Association' wurde 1954 in dem Stadtteil Geylang in Singapur von Master Ang Lian Huat gegründet. Der Ursprung der zu Grunde liegenden Stile reicht jedoch wesentlich weiter zurück - er kann sogar bis zu der Wiege aller (südlichen)Kung-Fu-Stile zurückverfolgt werden:

Der indische Mönch Tat Moh, auch bekannt unter dem Namen Bodhidharma, wurde als Prinz in Indien geboren, doch er verzichtete auf seinen Titel und seine Erbrechte um sein Leben dem Buddhismus zu widmen. Er führte das einfache und enthaltsame Leben eines Mönches und unternahm lange und weite Reisen, mit dem Ziel die Lehren des Buddhismus zu verbreiten. In dieser Ära war es für indische Mönche nicht unüblich nach China zu reisen, wo die Lehren des Buddhismus auf guten Nährboden stießen.

Auf einer dieser Reisen ließ sich Tat Moh schließlich in einem Kloster namens Shao Lin (kleiner Wald) nieder. Dort fand er die Mönche jedoch in einer physischen Verfassung vor, die für das   asketische und harte Leben eines buddhistischen Mönches nicht ausreichte.

Tat Moh zog sich daraufhin in eine Höhle zurück und meditierte mit dem Ziel, eine Lösung für das Problem zu finden. Nach neun Jahren, wie die Legende besagt, kehrte er in das Kloster zurück. Er hatte ein System von Übungen zur Stärkung von Körper und Geist entwickelt, mit dem er die Konstitution und Gesundheit der Mönche nachhaltig verbessern würde. Diese Übungen ähnelten dem indischen Yoga und obwohl sie eher dem Chi Kung zugerechnet werden können, gilt dieses System heute in der südchinesischen Kampfkunst weitgehend als der erste Kung-Fu-Stil.

Um sich verteidigen zu können, entwickelten die Mönche auf der Basis der erlernten Übungen ein Kampfsystem: Den Lohon- oder auch Lorhan-Stil. Nach den Mönchen (Lohons) benannt, war dieser Stil ein, aus heutiger Sicht, relativ einfacher Stil, dessen Charakteristika tiefe Stellungen und eine starke Körperhaltung sind. Der Stil diente wegen der buddhistischen Lehre eher der Verteidigung als dem Angriff und erwies sich hierbei als recht erfolgreich.

 

Als dritter Stil in dieser Historie des besagten Shaolin Tempels in der chinesischen Provinz Fukien gilt der Tai Chor oder auch Tiger-Stil. Er wurde von einem chinesischen Kaiser entwickelt, der seine Position aufgab um ein streng buddhistisches Leben zu führen. Der Stil entstand vermutlich, nachdem sich der ehemalige Herrscher in dem Shaolin Kloster niedergelassen hatte um das Studium der Kampfkunst zu vertiefen. Die Entwicklung des Tiger-Stils war ein großer und wichtiger Schritt in der Geschichte des Kung Fu. Er zeichnet sich durch etwas höhere, mobile Stellungen und den Vorwärtsfauststoß aus, bei dem sich die Faust, von der Hüfte aus kommend, um 180° dreht - ein starkes Merkmal von Shaolin-Kung-Fu. In diesem Stil wird große Kraft freigesetzt, so dass er bald dem Lohon-Stil überlegen war.

Kein Stil ist unbesiegbar und auf jeden Angriff gibt es eine Antwort. Der später entwickelte Affen-Stil (Tai Sheng) hatte viele Antworten auf die starken und wilden Attacken des Tigers. Ein äußerst schneller und listiger Stil: Er arbeitet mit Täuschungen und auch schauspielerischen Elementen. Der   Affe taucht unerwartet in Nahkampfdistanz auf, attackiert schnell und präzise, um sich dann ebenso schnell wieder zurück zu ziehen. Oft werden hierbei mit Fingern und offenen Händen weiche und empfindliche Körperstellen angegriffen.

Doch welcher Stil verfügt über die passenden 'Antworten' auf die quirligen und unberechenbaren   Angriffe des Affen?

Bei dem letzten und somit technisch fortschrittlichsten Stil, der in dem Shaolin Tempel in Fukien entwickelt wurde, klebt man praktisch an seinem Kontrahenten, kontrolliert seine Bewegungen, verteidigt frühzeitig und wartet auf Lücken in der Abwehr, um dann schnell, zielsicher und erbarmungslos zu attackieren. Die Rede ist vom Kranich-Stil. Durch den ständigen Kontakt, den der Kranich hält, ist es auch für Vertreter des Affen-Stils äußerst schwer zu entkommen und unerwartete Angriffe auszuführen.

 

7:40 Uhr. "Teatime!" Einer der Instruktoren hat Tee gekocht und ruft von der Terrasse, die sich einige Meter über dem Trainingsplatz befindet zum gemeinsamen Tee. Jeden Tag wird ein besonderer Tee serviert, welcher gesundheitsfördernd wirkt. Alle versammeln sich jetzt um Master Iain, welcher über Kung Fu als solches, Chi (Lebensenergie) im Allgemeinen, chinesische Geschichte, den dargereichten Tee oder andere Themen spricht und Fragen der Schüler beantwortet.

Manche Schüler bleiben lediglich einen halben Tag, manche verbringen mehrere Jahre hier. Einige sind zuvor noch nie mit Kampfkunst oder -sport in Berührung gekommen und wagen jetzt ihren ersten Schritt, andere haben schon einige Jahre Trainingserfahrung. Sehr wenige haben sich überhaupt schon mal mit traditionellem Kung Fu beschäftigt. Alle Altersgruppen von 17 bis 77 Jahren waren hier schon vertreten.

8:20 Uhr. Die Sonne leistet gute Arbeit und um der Hitze zu entgehen, wird jetzt auf dem überdachten Trainingsplatz im Schatten trainiert. Die Wände sind offen, so dass man während jeder Trainingseinheit die Aussicht und, mit etwas Glück, eine leichte Brise genießen kann. Die Inhalte variieren von Tag zu Tag, doch nun werden nicht mehr die langsamen und meditativen Inhalte vermittelt. Mit anderen Worten: Es gibt Action!

Die folgende Trainingseinheit besteht entweder aus dem Erlernen und Wiederholen von Kung-Fu-Techniken des Stils, Trainieren mit traditionellen Waffen und Verteidigung gegen diese, aus Kombinationen und Drills, San Da (einer chinesischen Variante des Kickboxens) oder aus Leibesertüchtigung im Fitnessstudio.

In diesem findet man Bambusrohre und Holzstangen zur Abhärtung von Armen und Beinen, verschiedene Sandsäcke, Klimmzugstangen, eine Hantelbank, Springseile, Ringe wie beim Geräteturnen und vieles mehr. Da der Fitnessbereich keine Wände hat, bietet sich den Augen hier während des Trainierens ein ergreifend schönes Panorama. Um 9:00 Uhr wird das Training mit einem 15-minütigen Stretching abgeschlossen - endlich Frühstück!

Im Nam Yang Retreat gibt es morgens und abends jeweils eine warme Mahlzeit, die gemeinsam im Speisesaal eingenommen wird. Bis auf sonntags ist das Essen vegetarisch und es werden stets frische Zutaten verwendet. Das meiste Obst und Gemüse stammt aus dem eigenen Garten, manches wird auf den kleinen Märkten des nahegelegenen Dorfes zugekauft. Der Koch, der auch gleichzeitig Gärtner und Hausmeister ist, kocht traditionell thailändisch. Wegen des harten Trainings wird jedoch besonders auf Verwendung von entzündungshemmenden Gewürzen und ausreichende Proteinversorgung geachtet. Wir sind in Südostasien - Sättigungsbeilage: Reis.

Nach dem Frühstück hat man Zeit, um ins Dorf zu fahren, sich kurz auszuruhen oder, für die Ambitionierteren, an einem Intensivkurs teilzunehmen oder in einer Privatstunde ganz individuell Inhalte zu vertiefen.

11.00 Uhr. Nun geht es für alle weiter. Wir beginnen das Training mit dem 'Vein-Tendon-Chi-Kung'. Dieses kurze Chi-Kung-System, bestehend aus fünf Übungen, zielt vor Allem darauf ab, Sehnen und Faszien zu stärken und zu durchbluten. Außerdem wird ein Entwickeln von Kraft aus dem Inneren des Körpers, genauer dem unteren Dan Tien, kultiviert. Dies ist besonders wichtig, um die, für Kung Fu sehr wichtige, 'springy power' zu entwickeln.

 

Ohne große Muskelpakete oder viel Kraftaufwand können so bei Schlägen und Tritten die Gliedmaßen extrem stark beschleunigt oder auch aus kürzester Distanz vernichtende Treffer gelandet werden – viele kennen sicherlich die berüchtigten ‘One-inch-punches’ (eigentlich sind es ‘Three-inch-punches’) von Bruce Lee. Grundprinzip ist hierbei immer ein gewisser Grad an Entspannung und Lockerheit - wer starr und steif ist, ist langsam und somit leicht zu besiegen.

Beim 'Sum Chien' (Drei Kriege) - der zentralen und wichtigsten Form des Stils, die den Grundstein für alle weiteren Hand-Formen bildet, geht es um die Anwendung eben dieser Kraft - immer aus einer stabilen Stellung heraus. Das Sum Chien wird nach jedem Vein-Tendon-Chi-Kung trainiert und zusätzlich und detaillierter in weiteren Trainingseinheiten. Nur, wer gleichsam die Kontrolle über Körper, Geist und seine Emotionen inne hat - also die drei Kriege gewinnt - kann das Sum Chien meistern.

Es ist sehr heiß. Regelmäßig werden Getränkepausen gemacht.

Nach einer solchen geht es weiter mit Pushing Hands: Man steht sich mit einem Trainingspartner in einem stabilen Stand gegenüber und versucht, sich gegenseitig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wer einen Fuß hebt, seinen Stand aufgeben muss oder sogar hinfällt hat verloren. Die Arme halten dabei ständig Kontakt mit denen des Gegenübers. So wird erlernt, Angriffe zu erfühlen sowie schnell und angemessen auf diese zu reagieren - unverzichtbare Fähigkeiten im Kranich-Stil.

Im direkten Anschluss geht es mit Sticky Hands weiter, welches dem Pushing Hands ähnelt. Allerdings kommt nun auch die Beinarbeit hinzu und die Techniken werden freier und es geht etwas mehr 'zur Sache'. Schläge auf empfindliche Körperstellen werden jedoch nur angedeutet oder sehr seicht ausgeführt: Sicherheit und Gesundheit gehen vor! Ohnehin trainiert man hier mit- statt gegeneinander. Es geht ums Lernen und Verbessern des eigenen Kung Fu, nicht ums Gewinnen. So geben erfahrenere Schüler und die Instruktoren den Neuankömmlingen wertvolle Tipps, anstatt ihr Wissen für sich zu behalten.

Nach dem schweißtreibenden Training am Partner, geht es jetzt etwas gemütlicher zu - aber schmerzhaft! Abhärtungstraining: Fäuste, Unterarme und Schienenbeine werden schmerzunempfindlicher gemacht, was besonders für wirksame Blocks mit den Unterarmen nützlich ist. Die Schüler benutzen Sandsäckchen, Betonrollen, Autoreifen und Bambusstäbe, um die verschiedenen Körperstellen abzuhärten.

Die letzten 15 Minuten der Trainingseinheit werden genutzt, um gemeinsam zu meditieren.

Es ist 13.15 Uhr. Entspannt gehen alle in die Mittagspause. Ich fahre mit meinem Miet-Scooter ins Dorf, wo ich mir für umgerechnet 5 € eine Stunde Thaimassage gönne. Mein gesamter Körper tut weh, die Massage ist kaum auszuhalten. Dafür ist es danach umso schöner. Ich hole mir noch einen Snack am Straßenrand und fahre dann zurück ins Retreat. Ein kleiner Mittagsschlaf hat noch keinem geschadet.

Frisch und ausgeruht geht es um 15.30 Uhr mit dem Training weiter.

Heute steht erstmal ein Workout für die Beine an, das sich gewaschen hat. Jeder geht an seine Grenzen oder überschreitet diese sogar.

Auch ich muss ab und zu meinen ganzen Willen zusammennehmen, um nicht schlapp zu machen. Doch auch darum geht es im Kung Fu: Seinen Körper mit seinem Geist zu bezwingen. Meine Oberschenkel brennen wie Lava.

Direkt im Anschluss wird ausgiebig gedehnt. Im Wechsel werden an einem Tag die Beine und Hüften und am nächsten dann Oberkörper und Arme gestretcht. Für jede Position wird den Schülern ausreichend Zeit gelassen, um sich in der Dehnung zu entspannen und aktiv die jeweilige Flexibilität zu verbessern.

Bei manchen der Übungen habe ich Schmerzen und es fällt mir schwer, mich zu relaxen. Nach der Session jedoch breitet sich ein wohliges Gefühl in meinen Beinen aus. Und das ist auch gut so: In der nächsten halben Stunde sind verschiedene Kicks an der Reihe.

Was ich vor dem Stretching noch für unmöglich gehalten hätte, ist nun zumindest wieder vorstellbar.

Jeder kommt auf seine Kosten: Anfänger erlernen in Einzelschritten die eher einfachen Tritte, Fortgeschrittene können über Wiederholungen ihre Tritttechnik verbessern und bekommen wertvolle Tipps. Die noch Erfahreneren können sich in komplizierteren Trittkombinationen versuchen und an ihrer Geschwindigkeit arbeiten. Es wird in Trockenübungen, mit Partner, an Kickshields und Focuspads trainiert.

Mein Magen knurrt schon jetzt wie ein Wachhund – doch es ist noch über eine Stunde bis zum gemeinsamen Abendessen.

17.00 Uhr. „Teabreak!“ In britischer Tradition wird jetzt das Training unterbrochen und Tee serviert. Wie schon am Morgen wurde die Teesorte nach gesundheitlichen Aspekten ausgewählt: An sehr heißen Tagen erfrischender Minztee, an nasskalten Tagen – auch das kommt vor – wärmender Ingwertee, Tee mit entzündungshemmender Wirkung oder welcher, der besonders gut für den Blutzuckerspiegel ist.

Der Tee und auch das Essen werden hier sorgfältig ausgewählt und als Medizin angesehen – wenn ich mich doch nur zuhause so gut ernähren würde…

 

Die letzte Trainingseinheit des Tages beginnt: Waffen. Im Monatswechsel werden abwechselnd Techniken mit dem Langstock oder dem Tan Tao, dem Säbel, vermittelt und die jeweiligen Formen Schritt für Schritt gelehrt.

Durch die Teepause haben sich meine Muskeln wieder etwas zusammengezogen und die Sprünge oder tiefen ‘monkey squats’ in den Waffenformen geben mir den Rest.

Mein Geist und mein Körper stehen nun kurz vor absoluter Leistungsverweigerung.

Dann die Erlösung: Abendessen.

Bei einem köstlichen Curry unterhalten sich Schüler und Lehrende angeregt – sehr oft über Kung Fu.

Ich persönlich bin zu geschafft und habe keine Lust zu reden, doch lausche gespannt den Gesprächen meiner Mitstreiter.

Viele werden nach dem Duschen noch mit ihren Leih-Scootern ins Dorf fahren, um an den zahlreichen Ständen des allabendlichen Nachtmarktes ein zweites Abendessen einzulegen oder sich mit etwas Süßem oder einem kalten Feierabendbier für die harte Arbeit zu belohnen.

Ich jedoch lege mich nach einem kleinen Plausch auf der Veranda ins Bett um noch ein wenig zu lesen.

„Pämmm!!“ Ein plötzlicher Schmerz reißt mich aus meinem Schlaf. Sch**** - mein Fuß!

Ich bin bei offenem Buch eingeschlafen und habe im Traum heftig gegen die Wand getreten.

„Wie fleißig -“, denke ich noch, „jetzt trainiere ich sogar schon in meinen Träumen…“

 

5:00 Uhr. Der Alarm meines Handys holt mich sanft aber bestimmt aus einem tiefen Schlaf.

Text: Christian Reitz, Fotos: Archiv Christian Reitz


Uchi Deshi im Aikido Dojo de Strasbourg

Vom 10. bis zum 15. Dezember 2006 konnte ich im Aikidô Dôjô Strasbourg Erfahrungen als Uchi Deshi sammeln. Uchi Deshi ist eine alte Bezeichnung für Kampfkünstler die in dem Dôjô, in welchem sie trainieren, wohnen und arbeiten. Man könnte sie also schlicht und ergreifend Hausschüler nennen.

 

Am 10. Dezember gegen 19.00 Uhr erwartete mich Gabriel Valibouze Sensei am Dôjô um mir meine Unterkunft und die Räumlichkeiten  zu zeigen. Es war nicht mein erster Besuch in seinem Dôjô, aber es sollte mein erster längerer Aufenthalt dort sein. Die Unterkunft schließt direkt an das Dôjô an und ist nur durch einen großen Vorhang von der eigentlichen Trainingsfläche abgetrennt. Nach dem ich meine sieben Sachen aus dem Auto gebracht und in meiner neuen „Wohnung“ verstaut hatte bekam ich die restliche Einweisung. Mir wurde ein Trainingsplan übergeben auf dem die ganzen Trainingszeiten aufgelistet waren. Zu meinem erstauen musste ich feststellen, dass das erste Training am Montag um 06.30 Uhr am Morgen beginnen sollte. Aber man soll sich nicht immer beklagen. Wie auch immer...ich bekam des weiteren noch eine Aufgabe zugeteilt, die ich während der trainingsfreien Zeit in diesen fünf Tagen erledigen sollte. Die Aufgabe bestand darin, neue Tatami Matten mit einem Teppichbodenmesser zurechtzuschneiden um die alten und verbrauchten Matten an der Kamiza und im restlichen Dôjô zu ersetzen. Nach dieser Unterweisung übergab mir Gabriel Valibouze Sensei die notwendigen Schlüssel und verabschiedete sich anschließend. Zurück in meiner Unterkunft musste ich zu aller erst die Heizung etwas höher schrauben um die Temperatur über 12 Grad zu bringen. Ich bemerkte allerdings, dass es grundsätzlich nie wärmer als 14 Grad im Dôjô und in meiner Unterkunft wurde. Das bedeutete, sich für die bevorstehende Nacht warm anzuziehen.

 

Punkt 05.30 Uhr klingelte der Wecker. Etwas verfroren kam ich dann meinen ersten Aufgaben nach: das Licht vor dem Dôjô anmachen, die Kamiza beleuchten und die Türen aufschließen. Kurz nach 6.00 Uhr kamen dann auch schon die ersten Trainingsteilnehmer. Um 07.30 Uhr war das erste Training vorbei und ich konnte mich meiner gestellten Wochenaufgabe widmen. Bei den ersten Schnittversuchen an der Tatami war ich sehr vorsichtig. Ich hatte noch nie zuvor Matten zurechtgeschnitten und Ersatz bei einem Fehlschnitt gab es leider auch nicht. Da war Vorsicht und Genauigkeit geboten! Zwischen der Arbeitszeit wurde immer wieder trainiert, geschafft und trainiert... Um 22.00 Uhr war das letzte Training an diesem Tag zu Ende und ich kann sagen, dass es körperlich sehr anstrengend gewesen ist. Die nächsten Tage sollten im Grunde genau so weiterverlaufen wie auch der erste. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Mittwochs und Donnerstags jeweils noch eine Stunde Zazen, Donnerstags und Freitags noch eine Stunde Iai Dô auf dem Programm stand.

Zu Beginn des Zazen wurden Kissen verteilt, auf die sich die Schüler im Halblotossitz zu setzen hatten. Als ein Zeichen des Respekts und der Reinigung wurde ein Räucherstäbchen angesteckt. Anschließend wurde eine Glocke geläutet und rhythmisch auf Holz geschlagen. Die Laute dieser Instrumente sollen mit der Stille in Einklang miteinander stehen und den Geist in seiner Konzentration unterstützen. Nach cirka einer Stunde In Zazenhaltung wurde das Hannya Shingyo gesprochen. In diesem Sutra gibt es keine Melodie und keine stimmlichen Verzierungen.

 

 

Nach dem rezitieren dieses Sutra standen alle Teilnehmer auf, verbeugten sich vor der Kamiza und verließen die Mattenfläche. Damit war die Einheit des Zazen vorüber. Ich habe schon vieles über Zen und Zazen gelesen, hatte jedoch erst hier die Möglichkeit dieses auch tatsächlich einmal auszuprobieren. Der Grundgedanke des Zazen ist einfach – nur sitzen ohne jegliche Zweckgedanken. Es wird sogar behauptet, dass man durch regelmäßiges Ausüben von Zazen zum Geheimnis des budô gelangen kann. Es heißt, dass der wahre Weg des Budô weder Wettkampf noch Streit ist, dass er jenseits von Leben und Tod und jenseits von Sieg oder Niederlage steht. Dies ist allerdings leichter niedergeschrieben als getan. Während er Zeit des Zazen sollte man versuchen seine Gedanken „nicht zu fassen“ und sie einfach vorüberziehen zu lassen. Hier gibt es für Anfänger schon die ersten großen Probleme. Zusätzlich zu der ungewohnten Sitzhaltung und den aufkommenden Schmerzen in den Kniegelenken und/oder den Knöcheln, denkt man über alles nach. Ich habe „das Problem der unkontrollierten Gedanken“ behoben, indem ich mich ausschließlich auf meine Atmung konzentriert habe. Wie immer gilt auch hier die Regel, dass man nur durch regelmäßige Übung zu Erfolg kommen kann. Es war ein sehr schöne Erfahrung!

 

Und wie immer wurden in der trainingsfreien Zeit Matten geschnitten, getragen und ausgewechselt. Nach einigen Tagen hatte ich sogar das Gefühl richtig schnell und fließend zu arbeiten. Das größte Erfolgserlebnis hatte ich jedoch, als ich das letzte Mattenstück in das „Gesamtpuzzel“ einsetzte und feststellen konnte, dass alles haargenau ineinander passte. Das war wahrlich ein gutes Gefühl!!!

Nun, auch eine solche Zeit geht einmal zu Ende und so war Freitag Mittags die Zeit für mich gekommen wieder abzureisen und mich von meinen Gastgebern zu verabschieden. Ich habe in diesen Tagen viel gelernt (sei es im technischen oder handwerklichen Bereich) und ich habe mir noch viel mehr Hausaufgaben mit nach Hause genommen. Ich würde also sagen, dass sich der Aufenthalt im Aikikai Dôjô de Strssbourg ausgezahlt hat und meine Erwartungen voll und ganz erfüllt wurden.

Vielen Dank noch einmal an Gabriel Valibouze Sensei der mich mit offenen Armen in seinem Dôjô aufgenommen hat. Zudem gebührt auch Alexander Broll Sensei[4] meinen Dank, da er mir diesen Aufenthalt überhaupt erst ermöglichte.

Text: Sven Ackermann Bilder: Archiv Sven Ackermann

Kontakt Aikido Dojo Strasbourg / Kontakt Dojo von Sven Ackermann