Kolumne unserer Autoren

Hier findet ihr in unregelmäßigen Abständen tiefgründiges, nachdenkliches und manchmal sogar albernes, in jedem Fall Dinge, die uns und die Kampfsportwelt beschäftigen. 


Eine kleine Zeitreise - 30 Jahre Kampfkunst

Diesen November war es soweit. 30 Jahre Kampfkunst liegen hinter mir. Im November 1988 fing alles an, einen Kampfsportfilm im ORF gesehen, das erste Karate Heft im Zeitschriftenhandel gekauft, das erste Buch (Albrecht Pflügler oder Bruce Lee, ich weiß es nicht mehr) und die ersten unbeholfenen Trainingsversuche. Ich werde nie vergessen wie ich mit meinem damalig besten Freund im Winter versucht habe um den Tennisplatz gegenüber herum zu joggen und wir bereits nach einer Runde konditionell am Ende waren. Ja, aller Anfang ist schwer. Es folgten immer mehr Bücher, Videos, die man damals sündteuer importieren musste um sie anschließend, abermals für ein kleines Vermögen, vom Fernsehfachhändler von NTSC auf PAL überspielen zu lassen. Natürlich folgten auch der erste Verein und die ersten Sparrings, letztere nicht im Verein, sondern im Stadtpark mit Freunden. Da man als pubertierender Teenager ungern gegen seine Freunde verliert und dabei ja in der internen Hierarchie nach unten durchgereicht werden würde, waren diese Erstversuche damals oft blutiger als so mancher spätere Wettkampf. Heute würde vermutlich sofort ein übereifriger Passant die Polizei rufen, dabei wollten wir doch nur spielen. Das galt übrigens auch, für unsere ersten Ninjaversuche, bei denen man, wie damals in gewissen Kreisen üblich, im schwarzen Pyjama mit Schwert auf dem Rücken durch die Heimgartensiedlung schlich. Nein, kein terrorverdacht, nur ein paar Teenager die sich diebisch freuten, wenn sie nicht gesehen wurden. 

 

Seit damals, ich muss es so sagen, hat sich unser Land drastisch verändert, das Land, die Welt aber auch die Kampfkunst. In kurzen Worten, das Land, die Gesellschaft aber auch die Kampfkunst haben ihre Unschuld verloren, sofern sie denn je eine besessen haben. So zumindest empfinde ich es und wie ich aus Gesprächen mit vielen Leuten meiner Generation weiß, bin ich da durchaus nicht alleine. Beginnen wir aber mit den positiven Dingen. Heute hat man Zugriff auf Informationen, an die man früher nicht einmal zu denken wagte. Du kannst praktisch alles von jeder Kampfkunst im Internet finden, du kannst dir jede Technik auf irgendeinem Video umsonst angucken, es gibt Schulen an jeder Straßenecke und die musst nicht mehr quer durch die Stadt fahren oder gar in ein anderes Land fliegen und ja, du kannst sogar die Stars und geheimen Meister deiner Vergangenheit persönlich treffen und bei ihnen trainieren. All dies hätten wir uns 1988 nicht einmal vorstellen können. 

 

Allerdings bringt so etwas natürlich auch Nachteile mit sich. Und wo wir gerade beim Thema „vorstellen“ sind, so ist es auch die Vorstellungskraft, die langsam stirbt. Wer nicht alles weiß, der kann sich viel vorstellen. Wer denkt, „nur ein Ninja kann einen Ninja töten“, wie es in einschlägigen Filmen immer gesagt wurde, der ist vielleicht ein bisschen doof aber vielleicht ist er ja glücklich doof und hat ein Ziel vor Augen, so zumindest war es bei mir. Wer alles weiß oder zumindest glaubt alles zu wissen, der braucht keine Phantasie mehr. Wer an jeder Ecke eine Kampfkunstschule hat, der muss sich nicht mehr genau überlegen was er machen will und sich bewusst für etwas entscheiden, der macht eben heute den Stil A und wenn im etwas nicht passt geht er zur Konkurrenz B gegenüber. Aus dem „oh, großer Meister würdet ihr mich trainieren“ wurde ein „ich will aber den 6 Monats Rabatt und wenn ich bis dahin nicht den orangen Gürtel habe, dann gehe ich wieder“. Und während zu meiner Zeit die „neuen besten Systeme" zumindest noch ein Jahrzehnt hielten wechseln sie sich heute so schnell ab, dass selbst ich schon gar nicht mehr weiß, wer diesen Titel gerade für sich beansprucht.

 

Das Hauptproblem meiner Meinung jedoch ist, dass wir gerade hier in Deutschland in einer Gesellschaft leben, in der wir so domestiziert wurden, dass wir gar nicht mehr verstehen, was ein Kämpfer eigentlich ist. Die philosophische Frage hier ist natürlich: Ist es schlecht wenn eine Gesellschaft domestiziert wird oder ist es nicht eher positiv? Die Antwort darauf gibt vermutlich die Geschichte. Viele Völker wurden domestiziert, faul und dekadent und keiner ihrer Kulturen hat letztendlich überlebt. Denn wer selbst domestiziert ist, aber plötzlich einem Kämpfer gegenüber steht, der hat schon verloren, egal welchen geheimen Stil der Unbesiegbarkeit er trainiert. Wie soll auch eine Gesellschaft bei der man inzwischen schon schief angeschaut wird, wenn man sein Kind ohne Fahrradhelm fahren lässt, in der man nachts nur in reflektierender super Signalkleidung joggen geht, in der man einem Elternteil schnell Fahrlässigkeit unterstellt, wenn das Kind alleine draussen spielt und vom Baum fällt, in der Anwälte die neuen Krieger sind und Psychiater die neuen Mütter, wie soll in dieser Welt jemand verstehen was eigentlich ein Kämpfer ist?

Aber kommen wir zurück zu meiner persönlichen Reise. Etwas über eine Zeitraum von 30 Jahren zu tun mutet für viele Leute seltsam an und ich muss sagen, ich wundere mich selbst oft darüber. Alle Träume meiner Jugend sind verpufft und blitzen bestenfalls noch ganz kurz auf, wenn ich mal einen alten Kampfsportfilm sehe und die Erinnerungen mich übermannen. Es erscheint verrückt und ich frage mich oft selbst, wie man es schafft sich immer wieder selbst zu motivieren. Eine echte Antwort kann ich nicht darauf geben. Ich kann nur sagen, man muss sich immer neue Ziele setzen und bei mir ist glaube ich inzwischen die Sache die - ich kann mir nicht mehr vorzustellen aufzuhören. Aufhören bedeutet sein Können innerhalb weniger Jahre einzubüßen und an diesem Punkt bin ich noch lange nicht, also muss es immer irgendwie weiter gehen. Natürlich erreichen wir auch alle eine Zeit in unserem Leben, in der wir fest stellen, dass irgend etwas nicht mehr so funktioniert wie früher. Früher gab es in meinem Kopf keine Grenzen. Wir haben einen Jackie Chan Stunt gesehen und sind raus in den Hof, um ihn auszuprobieren und wenn wir fünfmal krachend am Boden gelandet sind, haben wir es noch ein sechstes Mal versucht. In unseren Köpfen wurden wir Shaolinmeister und Ninjakrieger. Irgendwann aber kommt der Punkt wo du erkennst, dass dein Körper nicht mehr alles mitmacht. Beim einen sind es die Knie, beim anderen die Hüfte oder das Sprunggelenk. Einer hat Blutzucker und der andere einen kaputten Rücken. Meine Knie haben sich seltsamerweise wieder erholt und machen heute so gut wie keinerlei Probleme mehr, was schon ganz anders war, Rücken und Hüfte sind da leider eine andere Sache. Aber egal, das ist eben der Lauf der Dinge und das positive an der Kampfkünsten ist ja, sie sind derart vielfältig, dass es immer etwas zu tun gibt. 

Auch wenn ich viele Dinge in der Kampfkunst heute kritisch hinterfrage und einige Aspekte der Kampfkunst durch den Wandel der Welt auch eine ganz andere Dimension bekommen haben, so waren die 30 Jahre für mich durchaus die Reise wert. Ich war in vielen Ländern und durfte dort großartige Menschen kennen lernen und mit ihnen bzw. bei ihnen trainieren und teilweise auch wohnen und leben. Die Kampfkunst ist irgendwie doch noch so etwas wie eine große Familie, denn gemeinsame Interessen verbinden. Ich habe einige meiner besten Freunde weltweit in der Kampfkunst kennen gelernt, ich habe Meistertitel errungen, Weltmeisterschaftsnominierungen bekommen, habe viele meiner Vorbilder kennen gelernt, meine zwei größten Leidenschaften „Kampfkunst und das Schreiben“ zu ungefähr 20 Kampfkunstbüchern vereinigt und letztendlich hat das ganze sogar zu 7 Jahren Warrior Magazin geführt. Alles in allem war es eine tolle Reise und ich hoffe, dass noch ein paar Jahre kommen, vielleicht ja auch nochmal 30 oder mehr. Die größte Lehrer die ich daraus gezogen habe ist nicht wie man schnell einen Gegner erschlägt oder wie man einen Angreifer entwaffnet, die größte Lehre die ich daraus gezogen habe ist: Lebe deine Träume. 

 

Beenden darf ich dieses Kapitel noch mit ein bisschen Eigenwerbung. Natürlich habe ich die 30 Jahre auch ein ganzes Stück ausführlicher nieder geschrieben, nämlich in meinem Buch „Ninja, der Pfad des Kriegers“. Da finden sich bestimmt auch Geschichten über den einen oder anderen von euch wieder. 

Text: Andreas Leffler Bilder: Archiv Andreas Leffler